Ob es wohl eine gute Idee ist, auf ein Konzert einer Band zu gehen, von der man bis kurz vor Auftrittsbeginn noch nie etwas gehört hat? In diesem Fall war es das, ja. Savoy Grand heißt die Truppe, von der hier die Rede sein soll. Eine Band aus einer der Partnerstädte Karlsruhes, Nottingham, mitten im Herzen Englands.
Ein Spontanbesuch im Jubez ist ja eine gute Idee, aber im Affekt muss man deswegen trotzdem nicht handeln:
Ein paar Songs auf der bandeigenen Homepage müssen ausreichen, um sich schnell ein Bild zu machen und wenigstens nicht komplett ins Unbekannte zu laufen. Die Genrebezeichnung der von Savoy Grand gespielten Musik lautet modern "slowcore", doch so recht kann man sich darunter erstmal nichts vorstellen. Im Netz werden vor-laut Vergleiche zu Größen wie Sigur Rós gezogen, aber: Nein, nein, nein, weiter daneben kann man eigentlich fast nicht liegen. Britisch ist eben nicht isländisch, aber wie dem auch sei, der Liveauftritt sollte wohl noch etwas aussagekräftiger sein als ein paar Hörproben und Fremdmeinungen:
Das Jubez betreten, musste ich feststellen, dass die Besucheranzahl diesmal nicht so hoch sein wird, wie noch einige Tage zuvor. Langsam, beständig, aber in Maßen mehren sich die Menschen im Barbereich.
Es vergeht einige Zeit, bis sich fast unbemerkt ein paar Gestalten in Richtung Bühne bewegen und auf dieser Platz finden. Das Publikum begibt sich behäbig in den kleinen Konzertraum. Dort hat man dann auch fast völlige Bewegungsfreiheit, denn kaum einer wagt sich in die vordersten 2 Meter vor der Bühne.
Zurückhaltend wirken die Herren da auf auf dem Podest, und so ist es dann auch die Begrüßung. Ein leises "good evening" und eine kurze, beinahe schüchterne Erläuterung, mit wem man es hier zu tun hat - nämlich dem Hauptact, eine Vorband gibt es nicht, derer es an diesem Abend auch nicht bedarf -, werden ins Mikrophon gesprochen. Und dann gehts los, und zwar langsam...
Es ist eine eigenartige Musik, die Savoy Grand da produzieren. Leise Töne sind es. So leise, dass ein Gehörschutz völlig überflüssig ist. So leise, dass jedes Nebengeräusch sofort auffällt, sei es der Verschlussmechanismus einer fotographierenden Spiegelreflexkamera neben mir oder das klacken von Effektpedalen auf der Bühne. Und langsame Töne sind es. So langsam, dass oft mehrere Sekunden zwischen zwei nacheinander angeschlagenen Gitarrensaiten liegen. Auch das Schlagzeug zügelt sich extrem in seiner Geschwindigkeit. Der Drummer führt die Schläge oft aus, ohne dabei ein Fell zu berühren, um im Takt zu bleiben. Ansonsten finden übermäßig häufig Besen statt der Sticks Anwendung. Zwischen den Songs werden fast jedes mal die Gitarren neu gestimmt, wobei sich erstmal höflich dafür entschuldigt wird, dass leider "nur" vier Gitarren als Reserve auf der Bühne Platz fanden.
Das einzige Instrument, welches fast permanent erklingt und nicht ganz so träge ist, ist die sanfte Stimme des Sängers. Nah ans Mikrophon geht er dabei nicht. Entsprechend distanziert wirkt der Gesang dann auch, womit er sich perfekt ins restliche Klangbild einfügt:
Als tief melancholisch bezeichnet man die Stimmung am besten, die die Musiker erzeugen. Traurig sind die Töne, die den Instrumenten entlockt und von der Stimme erzeugt werden. Man stelle sich sehr sehr leise, langsamere Anathema vor, gepaart mit einer negativen, und ebenfalls um einiges leiseren Version von Athlete, und man erhält in etwa eine Vorstellung von dem hier Gebotenen.
Die Liedtexte erzählen Geschichten voll Verlust, Leid, Machtlosigkeit. Sie zeugen von vollendeten Tatsachen oder von Geschehnissen, die nicht mehr abwendbar sind. Es ist vertonte Resignation. Für Hoffnung ist hier kein Platz. Zumindest nicht für eine unrealistische. Denn verzweifelt ist die Musik trotz alledem nicht. Vielmehr sagt sie, dass Resignation legitim ist, man sich machtlos fühlen darf im Angesicht des Unausweichlichen.
Kraft will diese Musik nicht geben, zumindest nicht sofort. Zwar bäumt sie sich ab und an, vielleicht in einer Hand voll Momente, für einige Sekunden auf und wird sogar richtig laut, aber danach scheint alle Energie wieder verbraucht zu sein.
Savoy Grand spielen genau so lange, wie man diese Musik noch aufnehmen kann. Nach angemessenem Applaus - auch das Publikum verhält sich entsprechend der Atmosphäre den ganzen Auftritt eher ruhig, aber sehr aufmerksam - darf es noch eine Zugabe sein. Nachdem schon während des Auftritts diverse "Spezialhilfsmittel" wie eine Klarinette, ein Akkordeon oder ein mir unbekanntes Zupfinstrument zum Einsatz kamen, wird nun mit einem E-Akustikbass (!) das schwerste Geschütz aufgefahren. Sowas dürfte man wohl nicht allzu schnell wieder zu Gesicht bekommen!
Die Band verabschiedet sich unerwartet mit einem sich immer weiter hochschaukelnden Tongewitter, welches zum Schluss in echten Krach ausartet, nur um im letzten Moment zu verstummen für die letzten leise gesungenen Worte, die der Sänger aber charmanterweise irgendwie vermasselt und daraufhin anfangen muss zu lachen. Der Drummer hebt beschämt und grinsend die Hände vors Gesicht. Ein zweiter Versuch rettet den Song, und die Band verlässt im Kontrast zur Musik dieses Abends amüsiert die Bühne ;)

